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Vorerst eine Begriffsklärung: Ich habe festgestellt, dass in der Chaostheorie das Wort „Chaos“ unterschwellig vollkommen anders definiert wird. Nämlich mit „Pseudochaos“, „unendlich komplexe Ordnung“ oder „Infinitesimal-Ordnung“. Da dieses Phänomen hauptsächlich bei Fraktalen vorkommt, nenne ich diese Form der Ordnung „Fractos“ mit „c“, damit das Wort noch ein bisschen an „Chaos“ erinnert. Fractos aber ist nicht abwertend, im Gegenteil. Im Allgemeinen bedeutet Chaos „der Abgrund der Unordnung, wo alles hineinfällt“. Dagegen bedeutet Fractos „ein chaosähnliches Durchgangsstadium, für eine neue Selbstorganisation“, also eine Intermittenz infinitesimaler Ordnung, um Unkonventionelles zu gestalten oder als Betrachter ästhetisch zu finden. In der Kunst habe ich folgendes beobachtet: Früher hatten die Maler alles linear 1 zu 1 abgebildet, weil es ja noch keine Photoapparate gab. Außer der Darstellung von ganz bestimmten mythischen Fabelwesen, die aber aus bekannten Elementen zusammengesetzt wurden. Dann aber kamen andere Stile ins Spiel, z.B. Impressionismus, Kubismus usw. und die Art der Malerei änderte sich immer mehr. Die Figuren wurden undeutlicher oder abstrakter, aber das lineare Prinzip wurde meistens beibehalten. Die Surrealisten und Karikaturisten waren da schon eine Ausnahme des freieren eigenen Gestaltens, aber immer noch ziemlich im Rahmen des Meso-Organischen, was man ohne besondere Hilfsmittel mit bloßem Auge sehen kann, um noch im so genannten „Verständlichkeitsbereich“ zu bleiben. Dann gab es Kunstrichtungen, die immer abstrakter und unkenntlicher wurden, aber irgendwo schlummerte da noch eine lineare Figur. Je mehr sich die Darstellungen der zur Schau gestellten „Affenmalerei“ näherten, kamen sie an den Punkt der Intermittenz des Fraktos. Bei actionpainting und Zufallsmalerei mit Klecksen und Streuen wird dieser Punkt erreicht. Da kann man alles hineindeuten, wie z. B. in Wolken, die auch eine fraktale selbstähnliche Strukturen aufweisen. Es ist die vollständige Auflösung des Figürlichen. Ich habe mir die Frage gestellt, wie es jenseits dieses Zauberspiegels aussieht? Ich stelle mir das Ganze auch als Waage vor: in der rechten Schale liegt lineare organisch figürliche Darstellung. Die linke Schale wird nach und nach mit etwas aufgefüllt, was die Figuren immer grober, abstrakter oder gekritzelter erscheinen lässt. Dadurch sind in dem Bild immer mehr ungewollte Objekte zu sehen. Nimmt das Gewicht auf der linken Seite zu, sind immer mehr Objekte aus allen Fachgebieten und Urprinzipien sehr undeutlich zu erkennen, weil sie sich ja teilweise wie Komplementärfarben neutralisieren. Auch in einem Ton des weißen Rauschens kann man Musik und Sprache heraushören. Bei „Affen- oder Hundemalerei“ ist die Waage schon fast im Gleichgewicht des Fractos. Erhöht man das Gewicht noch etwas, kippt die Waage über und es ist ein Bild, was die Zeichenmaschine von Tingueli malen konnte, aber es ist immer noch sehr nahe dem Gleichgewicht. Diesen Punkt könnte man dadurch erreichen, indem ein Hund auf einer Wippe läuft, die irgendein paar Farbtöpfe auf eine Leinwand kippt. Es ist das „Fractosgleichgewicht“ zwischen organisch und mechanisch. Jetzt ist die Frage der Einordnung: Kunst? Creation? Seelisches Befinden? Revolution? Andere zum Nachdenken motivieren? Oder einfach ein „Andersseinwollen“ um zu verwirren? Die Antwort auf diese Frage bewegt sich also im „maschinellen“ Bereich. Ich kann in manchen gleichgewichtsnahen Darstellungen, die meine Phantasie beflügeln durchaus auch Technisches erkennen, Sachen, die im Allgemeinen auf Bildern nichts zu suchen haben. Doch weiter: Jetzt nehme ich auf der rechten Seite etwas weg. Jetzt entsteht ein sehr komplexer unübersichtlicher Dschungel eines elektronischen Bauplans, der von einem Plotter erstellt worden ist. Danach wird die Sache wieder klarer und es ergibt sich eine technische Zeichnung. Da wir uns jetzt nicht mehr im Kunstbereich bewegen, ist die Antwort auf die zweite Frage: Fractosgleichgewicht ist im idealgedachten Fall keine Streitfrage mehr, sondern ein umgreifendes Urprinzip zwischen Kunst und Zweck, was kreativ über allem steht, „das kreative Fractos“. Dieser Punkt muss als Durchgang für neue Formen gedacht werden. Ein Stehenbleiben aus Bequemlichkeit oder weil man sich nicht traut auch mal untypische Sachen darzustellen, wäre der tapetenrepetitive Tod des Kunstbegriffs, der sich zur mittelmäßigen Durchschnittskunst entwickeln könnte. Auch der Betrachter müsste an seinen modisch-ästhetischen Sehgewohnheiten in Bezug auf den Durchgang des Fractos-Spiegels arbeiten. Aber das ist wohl eher die Aufgabe eines Managers mit völlig untypischem Charakter. Geht man weiter, ist die Metapher der Waage zu begrenzt, denn es handelt sich hier eher um nichtlineare rekursive Phänomene im Kreisdenken. Da die technischen Zeichnungen immer klarer und übersichtlicher werden, gibt es noch ein zweites Gleichgewicht als Gegenpol zum Fractos: Ich nenne es „Cyborg-Art“. Im Idealfall wäre diese Darstellungsform ein klares kreatives Prinzip zwischen Kunst und Funktion. Sicherlich gibt es viele Beispiele, aber sie werden kaum veröffentlicht. Vielleicht irgendwo in einem verlorenen Schuppen in Japan oder in Australien. Auf dem Gebiet der Karikatur und der Satire kommt diese Erscheinung der Cyborg-Art ganz selten vor. Zum Beispiel gab es da einen riesigen Anker an einer dicken Kette, die immer feiner wurde. Allmählich sah sie aus wie Metalleffektgarn. Und auf der nächsten Seite war eine Oma, die mit diesem Faden einen Pullover strickte. Oder da war eine Nähmaschine, die gute „Handarbeit“ leistete, also dargestellt mit einer Hand statt einer Nadel. Halbritter von der satirischen Zeitschrift „Pardon“ hat ähnliches gestaltet, aber jetzt überlässt man dem Computer eine „gewisse“ fraktale Kreativität. Die Mandelbrotmenge sieht mit ihrem Umfeld eher wie eine Phantasie-Neurone aus, aber nicht unbedingt wie ein Apfelmännchen. So haben wir einen rekursiven Kreislauf eines Darstellungsmandalas, der mit dem Bewusstseinskreis der geteilten Evolution isomorph ist, zwischen Kunst-Fractos und Cyborg-Art. Markus Anatol Weisse Berlin den 5. Oktober 2006 |
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